Training des vegetativen Nervensystems bei Post-Covid und ME/CFS
- meretbuehler
- 19. Nov. 2025
- 3 Min. Lesezeit

Post-Covid und ME/CFS (Myalgische Enzephalomyelitis/Chronisches Fatigue-Syndrom) gehören zu den komplexesten Erkrankungen unserer Zeit. Millionen Menschen sind betroffen, viele so schwer, dass ihr Alltag kaum noch zu bewältigen ist. Trotz der hohen Belastung und der massiven Einschränkungen werden diese Erkrankungen bis heute häufig missverstanden. Besonders hartnäckig ist der Mythos, es handle sich um psychische Störungen.
Die moderne Neurobiologie zeigt jedoch klar: Post-Covid und ME/CFS sind körperliche Erkrankungen, eng verbunden mit einer Dysregulation des autonomen Nervensystems – der sogenannten Dysautonomie.
Post-COVID und ME/CFS sind keine psychischen Erkrankungen
Zahlreiche Studien belegen inzwischen:
Es handelt sich um eine multisystemische, körperliche Erkrankung
(Immunsystem, Nervensystem, Energiestoffwechsel, Gefäße, Muskeln u.a. sind betroffen)
Die Erkrankung zeigt biologische Marker wie
– Mitochondriale Dysfunktion
– veränderte Zytokinprofile
– autonome Dysregulation
– verringerte zerebrale Durchblutung
– nachweisbare Belastungsintoleranz
Die WHO führt ME/CFS seit 1969 als neurologische Krankheit
Die Symptome – von Erschöpfung über Brain Fog bis zu POTS (Posturales Tachykardiesyndrom) – sind unter anderem Ausdruck einer körperlichen Fehlsteuerung, nicht eines psychischen Problems.
Zudem können Post-Covid und ME/CFS klinisch oft eindeutig von einer Depression unterschieden werden: spezifisch für Post-Covid und ME/CFS ist die Post extertional Malaise - kurz PEM - welche einer Zustandsverschlechterung nach körperlicher, kognitiver, sozialer oder emotionaler Anstrengung entspricht. Im Gegensatz dazu führt Aktivierung bei einer Depression zu einer Zustandverbesserung. Auch Motivation und Antrieb sind bei Post-Covid und ME/CFS in der Regel vorhanden.
Warum psychosomatische Techniken trotzdem helfen können
Dass Achtsamkeit, Atmung, Meditation oder vagusaktivierende Übungen helfen können, führt häufig zu Missverständnissen. Wichtig ist:
Diese Techniken helfen nicht, weil die Krankheit primär psychischer Natur ist, sondern weil sie direkt in die Regulation des autonomen Nervensystems eingreifen, die bei dieser Erkrankung gestört ist.
Das autonome Nervensystem steuert alle unbewussten Vorgänge in unserem Körper, unter anderem:
Herzfrequenz
Blutdruck
Atmung
Energieverfügbarkeit
Darmfunktion
Immunantwort
Bei Post-COVID und ME/CFS ist dieses System häufig fehlreguliert, insbesondere:
Überaktivität des Sympathikus (Dauer-Alarmmodus)
Unteraktivität des Parasympathikus / Vagusnerv
gestörte Stressantwort (HPA-Achse)
Dadurch geraten Immunreaktionen, Energiesysteme, die Durchblutung und vieles andere aus dem Gleichgewicht.
Die gute Nachricht: Das autonome Nervensystem ist bis zu einem gewissen Grad trainierbar – ähnlich wie ein Muskel.
Die Rolle der Neuroplastizität
Verschiedene Anteile des autonomen Nervensystems besitzen eine hohe Neuroplastizität. Das bedeutet, sie können ihre Aktivität, Verschaltungen und Reizschwellen verändern. Auch der Tonus des Vagusnervs kann sich durch Training steigern und entzündungshemmende Reflexkreise können verstärkt werden
Was bei Post-COVID und ME/CFS gestört wurde (durch ein Virus, eine Entzündung, o.a.), kann so bis zu einem gewissten Grad schrittweise wieder stabilisiert werden. Daher können sanfte Techniken einen echten biologischen Effekt haben – nicht psychologisch, sondern neurophysiologisch.
Einfache Methoden, die das autonome Nervensystem nachweislich regulieren
Achtsamkeitsbasierte Methoden
Achtsamkeit reduziert die Aktivierung der Amygdala und verbessert die Aktivität des Vagusnervs, insbesondere auch die Innere Wahrnehmung. Effekt: Der Körper verlässt den Dauer-Alarmmodus, er kann innere Reize besser wahrnehmen und fühlt sich dadurch sicherer.
Atmung
Auch eine langsame, vertiefte Atmung (z. B. 4-6-Atmung) oder andere Atemübungen aktivieren den Vagusnerv und können so überschiessende Stressantworten senken und das vegetative Nervensystem stärken, was sich z.B. auch in einer verbesserten Herzratenvariabilität (HRV) zeigt.
Meditation
Studien zeigen, dass Meditation sowohl strukturelle als auch funktionelle Veränderungen im Gehirn bewirken kann, welche zu einer geistigen und körperlichen Entspannung führen, körperliche Stressreaktionen reduzieren, unsere Emotionsverarbeitung und unser Selbstbild verändern können.
Vagusaktivierung durch Summen
Das Summen („Humming“) stimuliert den Vagusnerv über Vibrationen im Rachenraum. Studien zeigen eine messbare Steigerung der parasympathischen Aktivität.
Leichte Dehnungs- und Bewegungsübungen
Sanfte, langsame Dehnungen und nicht-belastende Bewegungen unterstützen die Kreislaufstabilität, die lymphatische Entlastung und aktivieren das parasympathische System über mehrere Mechanismen.
Sanfte Kälteanwendungen
Kurze, milde Reize wie kaltes Wasser im Gesicht oder ein Eisbad der Hände und Handgelenke können den Vagusnerv aktivieren, ohne den Körper zu überfordern.
Warum dieses Training für Post-COVID und ME/CFS besonders sinnvoll ist
Da es bisher keine etablierte schulmedizinische Standardtherapie gibt, benötigen Betroffene Ansätze, die sicher, individuell dosierbar, kostengünstig und neurobiologisch wirksam sind.
Genau das bietet das Training des autonomen Nervensystems.
Es ermöglicht:
bessere Kreislaufregulation
stabilere Energie
weniger inflammatorische Aktivität
bessere Reizverarbeitung
mehr Resilienz im Alltag
Selbst kleine Verbesserungen können für Betroffene einen enormen Unterschied machen.
Langsam, individuell, symptomorientiert
Wichtig ist:
Niemals über die Belastungsgrenze gehen
Reizniveau und Tagesform berücksichtigen
Übungen flexibel anpassen
Fortschritte in Wochen und Monaten, nicht Tagen messen
Fazit
Post-COVID und ME/CFS sind körperliche, neurologisch-immunologische Erkrankungen – kein psychisches Problem. Doch weil das autonome Nervensystem ein zentraler Schauplatz der Erkrankung ist, können Techniken aus der Psychosomatik erstaunlich wirksam sein. Sie ermöglichen Betroffenen trotz fehlender schulmedizinischer Therapien einen Weg zur Verbesserung.


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