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Das autonome Nervensystem und die Bedeutung der Neuroplastizität

  • meretbuehler
  • 19. Nov. 2025
  • 4 Min. Lesezeit


Das autonome Nervensystem


Das vegetative Nervensystem oder auch autonome Nervensystem - kurz ANS - steuert viele lebenswichtige Vorgänge in unserem Körper – ganz automatisch, ohne dass wir bewusst etwas tun müssen. Es reguliert Dinge wie Herzschlag, Atmung, Verdauung, Schlaf und auch unsere Reaktion auf Gefahr oder Stress. Es besteht aus zwei Hauptteilen:


  1. Sympathisches Nervensystem: Dieses System aktiviert die "Fight and Flight"-Reaktion. Es bereitet den Körper auf Stresssituationen oder unmittelbar drohende Gefahr vor, indem es unter anderem die Herzfrequenz erhöht und die Atmung beschleunigt.


  2. Parasympathisches Nervensystem: Dieses System fördert die "Rest an Digest"-Reaktion. Es hilft dem Körper, sich zu entspannen, zu regenerieren und Energie zu sparen, indem es die Herzfrequenz senkt und die Verdauung fördert.


Dieses System ist evolutionsgeschichtlich sehr alt und hatte primär die Aufgabe, unser Überleben zu sichern.



Die Rolle des autonomen Nervensystems in unserem Leben


Das autonome Nervensystem spielt auch heute noch eine entscheidende Rolle in unserem täglichen Leben. Es hilft uns, adäquat auf wechselnde Umstände zu reagieren und unsere Körperfunktionen im Gleichgewicht zu halten. Ein gut funktionierendes autonomes Nervensystem ist wichtig für unsere allgemeine Gesundheit und unser Wohlbefinden.


Gerät dieses System aus dem Gleichgewicht, durch chronischen Stress oder im Rahmen einer Erkrankung, hat das weitreichende Folgen.


Zum Glück besitzt unser Nervensystem eine aussergewöhnliche Fähigkeit: es ist neuroplastisch. Das bedeutet, es kann sich laufend an Veränderungen anpassen.



Was ist Neuroplastizität?


Neuroplastizität bezieht sich auf die Fähigkeit des Gehirns, sich selbst zu reorganisieren. Diese Anpassungsfähigkeit ist nicht nur während der Kindheit vorhanden, sondern bleibt auch im Erwachsenenalter bestehen, wenn auch in geringerem Ausmass. Neuroplastizität ermöglicht es uns, neue Fähigkeiten zu erlernen, uns an neue Umgebungen anzupassen und sogar Verletzungen zu heilen.



Arten der Neuroplastizität


Es gibt zwei Hauptarten der Neuroplastizität:


  1. Strukturelle Neuroplastizität: Dies bezieht sich auf physische Veränderungen im Gehirn, wie das Wachstum neuer Neuronen oder die Bildung neuer synaptischer Verbindungen. Diese Veränderungen können z.B. durch Lernen, oder Erfahrungen ausgelöst werden.


  2. Funktionale Neuroplastizität: Diese Art beschreibt, wie das Gehirn seine Funktionen anpassen kann. Wenn z.B. ein Teil des Gehirns geschädigt ist, kann ein anderer Teil die Aufgaben übernehmen, die normalerweise von dem geschädigten Bereich ausgeführt werden.



Beispiele für Neuroplastizität


Unser Gehirn befindet sich in einem ständigen Wandel. Ein klassisches Beispiel für Neuroplastizität ist die Rehabilitation nach einem Schlaganfall. Patienten, die einen Schlaganfall erlitten haben, können oft durch gezielte Übungen und Therapien neue neuronale Verbindungen in ihrem Gehirn aufbauen oder andere Gehirnbereich können die Funktion der geschädigten Areale übernehmen. Dadurch können sie verlorene Fähigkeiten zurückzugewinnen.

Ein weiteres Beispiel ist das Erlernen einer neuen Sprache. Wenn wir eine neue Sprache lernen, verändert sich die Struktur unseres Gehirns, um die neuen Informationen zu speichern und zu verarbeiten. Gleichzeitig werden die neuronalen Verbinungen schwächer, wenn wir die Sprache längere Zeit nicht mehr anwenden. Wir können die Fremdsprache dann nicht mehr so leicht reaktivieren, weil die neuronalen Verbindungen nicht mehr so stark ausgebildet sind.



Die Verbindung zwischen Neuroplastizität und dem autonomen Nervensystem


Auch das autonome Nervensystem ist neuroplastisch und reagiert auf Veränderung.  Chronischer Stress zum Beispiel kann zu strukturellen Veränderungen im Gehirn führen, die das Lernen und die Gedächtnisbildung beeinträchtigen. Auf der anderen Seite können wir durch ein gezieltes Training diejenigen Anteile des autonomen Nervensystems stärken, die für unsere Entspannung und Regenerationsfähigkeit zuständig sind und somit einen wertvollen Beitrag für unsere Gesundheit leisten.


Der wichtigste Nerv des Parasympathikus ist der Vagusnerv. Auch er ist neuroplastisch und kann somit trainiert werden. Die Stärkung des Vagusnervs ist deshalb bei vielen therapeutischen Ansätzen ein zentraler Punkt.



Praktische Tipps zur Förderung von Neuroplastizität und einem gesunden ANS


Es gibt viele Möglichkeiten, wie wir die Neuroplastizität und die Gesundheit unseres autonomen Nervensystems fördern können. Hier sind einige praktische Tipps:


1. Lernen Sie etwas Neues

Das Erlernen neuer Fähigkeiten oder Hobbys kann die Neuroplastizität fördern. Ob es sich um das Erlernen eines Instruments oder das Erlernen einer neuen Sprache handelt, neue Herausforderungen helfen, das Gehirn aktiv zu halten.


2. Verändern Sie Ihre Umgebung

Verändern Sie die Anordnung der Möbel, hängen Sie ein neues Bild auf, verwenden Sie neue Farben, andere Texturen. Dies führt zu neuen visuellen Reize, woraufhin das Gehirn sich neu orientieren und aktualisieren muss. Zudem kann ein klar strukturierter, beruhigender Raum Stress und damit die sympathische Aktivierung reduzieren.


3. Praktizieren Sie Achtsamkeit

Achtsamkeit und Meditation aktivieren über den Vagusnerv den Parasympathikus, haben aber auch eine direkte Wirkung auf spezifische Gehirnareale. Sie reduzieren Stress und die damit verbunden Körperreaktionen und können die Aufmerksamkeit, emotionale Regulation und Selbstwahrnehmung verbessern.


4. Bauen Sie regelmässig eine Atemübung in Ihren Alltag ein

Regelmässige Atemübungen - z.B. am Morgen nach dem Aufstehen, tagüber als Pause oder Abends vor dem zu Bett gehen - aktivieren den Vagusnerv und geben Ihrem Gehirn das Signal für Entspannung und Regeneration. Atmen Sie zum Beispiel ganz einfach für mind. 10 Minuten 4 Sekunden lang ein und 6 Sekunden lang aus. 


5. Gesunde Ernährung

Eine ausgewogene Ernährung ist wichtig für die Gesundheit des Gehirns und des autonomen Nervensystems. Denn Darm und Gehirn stehen in enger Verbindung zueinander. Empfohlen wird eine möglichst ausgewogene Ernährung und der Verzicht auf stimulierende Substanzen wie Koffein, Schwarztee, Grüntee, Nikotin und Zucker, da sie alle auf unterschiedliche Weise den Sympathikus aktivieren.



Fazit


Das Verständnis des autonomen Nervensystems und seiner Neuroplastizität kann uns helfen, unsere Gesundheit und unser Wohlbefinden zu verbessern. Indem wir Techniken zur Förderung der Neuroplastizität und zur Regulierung des autonomen Nervensystems anwenden, können wir unser Leben aktiv gestalten und unsere Gesundheit fördern. Schon kleine Veränderungen in Ihrem Alltag können grosse Auswirkungen auf Ihre geistige und körperliche Gesundheit haben.

 

 
 
 

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